Archiv der Kategorie: essen

Evolutionäre Entschuldigungen

Ich gebe zu, von allen Thesen, wie der Mensch zum Mensch wurde, mag ich diese hier bislang am liebsten. Der Biologe Richard Wrangham behauptet nämlich, es sei das Kochen gewesen, welches aus dem Affen einen Homo sapiens gemacht habe. Nicht nur habe das Kochen mehr Energiezufuhr in kürzerer Zeit erlaubt, sondern das gemeinsame Essen habe auch das Sozialgefüge geprägt, meint Wrangham. Zwar sind des Biologen Thesen umstritten, aber deshalb wohl kaum weniger tröstlich für alle diejenigen, die sich soeben durch die Festtage gefressen haben und nun von Diätvorsätzen gequält werden. Denn die grossen Gelage sind offensichtlich nicht nur köstlich, sondern fundamental identitätsstiftend – und der Verzehr von Rohkost zwecks Abmagerung ist nicht nur grausam, sondern würde geradezu einen evolutionären Rückschritt in Richtung Schimpansen bedeuten.

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Lokalromantik

Ich bin ein Opfer der Lokalromantik, des unerschütterlichen Glaubens, dass Produkte aus Prinzip immer besser sind, wenn sie aus lokaler Produktion kommen. In meiner Strasse befindet sich eine kleine Quartierbäckerei mit dem netten Namen „Boubou“. Die Fenster sind etwas vergilbt, die Auslage meistens halb leer. Und das Brot ist auch nicht sonderlich gut, obwohl es in der Backstube nebenan gebacken wird. Nur wenige Meter weiter vorne ist eine Filiale von „Pouly“, einer Bäckerei-Kette. Aufgeräumt und blitzblank, verkauft Pouly sehr gutes „Pain Paillasse“, das irgendwo zentral hergestellt wird. Und allein dieser Umstand, kombiniert mit dem schweizweit normierten Corporate Design des „Pain Paillasse“, ist schon Grund genug, dass ich auch weiterhin bei Boubou kaufe. So auch heute früh, als ich ein Stück Apfelwähe zum Frühstück erstanden habe. Nach dem ersten Biss davon zuhause überkommt mich ein Brechreiz: Wie sich herausstellt, hat der Bäcker beim Herstellen des Teigs Salz und Zucker verwechselt. Aber als die Übelkeit nach einigen Minuten wieder abklingt, meldet sich der Romantiker in mir wieder: Denn im Boubou ist halt alles noch von Hand hergestellt – und da können nun mal solche Fehler passieren, oder?

Das Auge isst heute woanders

Zur Abwechslung hier mal ein Kochtipp. Und zwar in Form eines Rezeptes von Marcella Hazan für eine ebenso simple wie köstliche Pastasauce, die fast nur aus Zwiebeln besteht. Also: Ein gutes halbes Kilo Zwiebeln schälen, in dünne Scheiben schneiden und in reichlich Öl und Butter mit etwas Salz zugedeckt bei sehr (!) tiefer Hitze eine Stunde lang garen. Deckel abnehmen, Hitze erhöhen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. Einen Schluck Weisswein dazugeben, verdampfen lassen und zum Schluss frische gehackte Petersilie hinzufügen. Das Ergebnis – bleiche, in sich zusammengefallene Zwiebelringe mit ebenso bleicher Pasta – ist wahrlich kein Fest fürs Auge. Durch das langsame Garen haben die Zwiebeln aber eine Süsse entwickelt, die sich hervorragend mit den Teigwaren versteht.

Schamlose Eigenwerbung (III)

Der heutigen NZZ liegt die erste Ausgabe des Studentenmagazins NZZ Campus bei, für das ich eine Reportage über StudiVZ sowie die Gastrokolumne „Studentenfutter“ verfasst habe. Im Moment sind die Texte des Magazins online noch nicht verfügbar – sollten sie es noch werden, werde ich natürlich verlinken. In der Zwischenzeit gibt’s nur eines: An den Kiosk gehen und kaufen 😉

UPDATE: Also, online gibt’s die Artikel nicht (schade), aber hier kann man NZZ Campus gratis bestellen.

Also doch Äpfel aus Südafrika?

Ich gehöre zu denjenigen Menschen, die beim Einkaufen im Supermarkt auf die Herkunft der Produkte achten. Niemals käme es mir in den Sinn, Äpfel aus Südafrika oder Chile zu kaufen – und für Leute, die das tun, habe ich nur Verachtung übrig. Denn schliesslich ist es ökologischer Unsinn, Esswaren um die halbe Welt zu transportieren. Dachte ich zumindest. Doch natürlich ist die ganze Angelegenheit unendlich viel komplizierter, schreibt die Financial Times. Wenn schon, dann müsste man den gesamten Energieverbrauch eines Nahrungsmittels während seiner „Lebensspanne“ berechnen, und nicht nur den Transport betrachten. Dieses Vorhaben erweist sich aber als praktisch unmöglich. Schon im letzten Dezember hatte der Economist die Vorzüge von Bio-, Fairtrade- und lokale Nahrungsmitteln in Zweifel gezogen. Der Kauf dieser Produkte könne für den Planeten sogar schädlich sein. Also doch Äpfel aus Südafrika? Peperoni aus Holland? Erdbeeren aus Marokko? Nein. Denn vielleicht sind die lokalen Bio-Produkte nicht ganz so umweltfreundlich, wie ich gedacht habe – aber sie schmecken halt meistens doch besser als das weitgereiste Gewächshaus-Gemüse.

Foto: net_efekt

Das Online-Müesli

Im ersten Moment mag die Idee ja absurd klingen: Das deutsche Internet-Startup MyMuesli.com lässt einen im Netz aus verschiedenen Zutaten sein eigenes Müesli mischen und bestellen – 566 Billionen Kombinationen sollen so möglich sein. Aber die Müeslimacher sind anscheinend sehr erfolgreich mit ihrer Idee. Was wohl daran liegt, dass sie gleich mehrere Trends geschickt ausnutzen: Individualismus – jeder will sein eigenes Müesli zusammenstellen und nicht ein „vorgemischtes“ kaufen. Gleichzeitig lässt sich der eigene Mix dann den Freunden weiterempfehlen – es entsteht ein social network für Müesli. Die Müeslimacher setzen zudem konsequent auf Bioprodukte und schaffen mit ihrem kleinen Team eine Art von Transparenz und accountability (sorry, dafür gibt es einfach keine vernünftige Übersetzung ins Deutsche), die ein Grossverteiler nicht herstellen kann. Mehr noch: Als Internet-Firma hat MyMuesli ein viel grösseres Zielpublikum als, sagen wir, der Reformladen um die Ecke, der vielleicht ähnliche Produkte anbietet. Verbunden mit tieferen Kosten (keine Ladenmiete) kann MyMuesli es sich leisten, auch schwach nachgefragte Zutaten zu führen und damit die Auswahl zu vergrössern – ein klassischer Fall von „Long Tail„-Aggregation.

Sündiger Risotto

Eine nette Geschichte aus dem Tages-Anzeiger: Ein Teller Risotto verursacht in der Türkei gerade eine politische Krise. Das Reisgericht wurde dem Innenminister Osman Günes von einem Provinzgouverneur vorgesetzt. Günes, ein frommer Muslim der Regierungspartei AKP, fand den Risotto schmackhaft und fragte nach den Zutaten. Als er erfuhr, dass der Risotto mit Wein gekocht worden war, bezeichnete er das Gericht empört als „unrein“ und stürmte aus dem Restaurant. Der Gouverneur war einige Tage später seinen Job los. Den in den Parlamentswahlen unterlegenen Säkularisten dient die Episode als Beweis dafür, dass es in der AKP – die ab heute mit Abdullah Gül wohl auch den türkischen Präsidenten stellen wird – von religiösen Fanatikern nur so wimmelt. Die Suppe, ‚tschuldigung, der Risotto, wird dann aber wohl nur halb so heiss gegessen: Mehrere Geistliche haben den Risotto-Verzehr für unbedenklich erklärt und Günes muss sich vorhalten lassen, er habe überreagiert. Und so lange eine türkische Zeitung die Schlagzeile „Risotto verspeist Gouverneur“ setzen kann, steht es um das politische Klima im Land wohl noch nicht so schlecht.