Archiv der Kategorie: schweiz

Das Bild zum Tag…

…hab ich soeben per E-Mail erhalten. Viel Erklärung ist dazu wohl kaum nötig:

Advertisements

Chronik einer angekündigten Fehlleistung

Dass die Vereinigte Bundesversammlung Christoph Blocher tatsächlich nicht als Bundesrat wieder wählen würde, konnte man nicht unbedingt erwarten. Dass die Schweizer Medien bei der Berichterstattung über die Wahl online keinen besonders guten Eindruck hinterlassen würden, war aber zu befürchten. Eine kleine Chronik, ausnahmsweise mit mehr als 150 Worten und vielen Bildli.

[09:00] Es ist Zeit, während dem ersten Kaffee einen Überblick zu gewinnen. Am besten also via Fernsehen die Wahl anschauen. Doch Zattoo macht bereits schlapp. Das kann zugegebenermassen auch an meiner Internet-Verbindung liegen. Also Wechsel in die Bibliothek der Universität Genf, wo das WiFi-Netz nur so flutscht.

[09:30] Der Livestream von Radio DRS ist offensichtlich schon überlastet, meldet der Wortfechter via Twitter. Ebenso die Website parlament.ch. Auf den Webseiten der grossen Schweizer Zeitungen herrscht noch Normalbetrieb. Nur 20 Minuten und der Blick haben spezielle Live-Ticker für die Wahlen eingerichtet, die sich auch selbständig aktualisieren. Allerdings sind die Links dazu so gut versteckt, dass ich sie erst nach geraumer Zeit finde. Wer bei 20 Minuten auf den blinkenden „Live“-Button neben der Titelstory klickt, erhält die sehr hilfreiche Erklärung, es handle sich hierbei um ein laufendes Ereignis, und man solle doch bitte den „Reload“-Button klicken, um die aktuellsten Informationen zu erhalten. Grrrr.

[ca 10:20] Nun wird es langsam interessant. Der Tagi und 20 Minuten melden, dass Eveline Widmer-Schlumpf im ersten Wahlgang mehr Stimmen erhalten hat als Blocher. Die NZZ ist noch nicht so weit, folgt aber bald. Die Spannung steigt weiter. Was wird passieren?

[10:42] Der 20 Minuten-Live-Ticker auf meinem Bildschirm verkündet: „Gewählt ist Eveline Widmer-Schlumpf“. Was? Kann das denn wirklich sein? Oder ist das nur ein Fehler? Ich lade die Frontpage von 20 Minuten, um Bestätigung zu erhalten. Nach 90 Sekunden ist die Seite geladen – und sieht so aus:

Sowohl das „Schweiz“-Ressort als auch der Newsticker melden: „0“. Toll.

[10:50] Bleibt weiterhin die Frage: Ist Blocher nun wirklich abgewählt? NZZ Online ist zuerst nicht erreichbar, liefert dann aber doch noch die erste Bestätigung, in Form einer tatsächlich sehr eiligen Eilmeldung:

„Bundesrat Blocher abgewählt“. Das trifft zwar den Nagel auf den Kopf – aber was soll all dieser Weissraum rundherum? Der Tages-Anzeiger hat derweil schon einen ganzen Anriss mit Bild auf der Front, doch als ich die Story anklicke, kommt das:

Die Server an der Werdstrasse haben sich offensichtlich ins Nirvana verabschiedet und lassen in den nächsten Minuten auch nichts mehr von sich hören. Vielleicht hatte die immerhin 30-köpfige Online-Redaktion von 20 Minuten in der Zwischenzeit die Gelegenheit, ihre Frontseite zu, ähhh, verbessern? Offensichtlich nicht:

[11:00] Auch NZZ Online hat etwas Ladehemmung, also schaue ich mal nach, was der Blick so treibt. Nach geschlagenen vier Minuten Ladezeit sieht mein Bildschirm dann so aus:

Naja, immerhin. Ein bisschen viel Grau und Weiss, aber das Wichtigste steht ja da.

[11:14] 20Minuten.ch ist wieder da, inklusive Liveticker. Die (wie schon mal erwähnt 30-köpfige) Online-Redaktion hat sich Mühe gegeben und ein etwa 10-zeiliges Update zu Widmer-Schlumpfs Wahl gedichtet, das vor Tippfehlern nur so strotzt. NZZ Online ist wieder stabil und hat ein vollständiges Update. Und die Tagi-Website ist immer noch down.

[11:28] Der 20 Minuten-Liveticker meldet die Wahl Doris Leuthards. Auf der Artikel-Seite von 20 Minuten nimmt man das zum Anlass, noch ein paar Tippfehler mehr in den Text reinzukorrigieren. Unter anderem steht da etwas von der Wahl der Bundesrätin „Leuthart“. Autsch.

[11:30] Hey, der Tagi ist wieder da! Nur eine halbe Stunde Downtime – das kann ja mal passieren. Das Timing war allerdings etwas schlecht. Und, ach, der Blick hatte doch auch mal noch einen Live-Ticker? Schauen wir rein:

Die letzte Meldung stammt von 11:07 und verkündet die Wahl von Hans-Rudolf Merz („das beste Reultat [sic!] des Tages“). Das versteht der Blick also unter Live.

[11:40] NZZ Online entschuldigt sich auf der Frontpage für die „technische Störung wegen Überlastung“.

[11:44] 20 Minuten übt sich in hektischem Aktivismus, aktualisiert die Seite etwa alle zweieinhalb Minuten, besteht aber immer noch darauf, eine gewisse Bundesrätin „Leuthart“ sei wiedergewählt worden. Seufz.

[11:45] Aus studientechnischen Gründen muss ich mich vom Internet losreissen. Würde gerne die SMS-Updates der NZZ abonnieren, aber die entsprechenden Informationen sind bereits von der Seite verschwunden. Muss mich also auf den SMS-Dienst meines selber gebastelten Tagi-Twitter-Kanals verlassen. Der bombardiert mich in den nächsten zweieinhalb Stunden mit allen möglichen Nachrichten – ausser zur Bundesratswahl. Bleibe trotzdem auf dem Laufenden, dank SMS-Informationen von Evelyn.

[14:35] Endlich wieder online, Normalisierung an allen Fronten. Die NZZ hat bereits eine Analyse und etwa 80 Leserkommentare publiziert. 20 Minuten erklärt, warum Micheline Calmy-Rey beim Schwur die Hände unten liess. Die Tagi-Website ist immer noch etwas langsam.

[15:35] Der Tagi-Twitter meldet per SMS: „Demütigung für Blocher„.

FAZIT: Dass die Bundesratswahl einiges an Spannung verspricht, war schon lange klar – auch wenn kaum jemand mit diesem Ergebnis gerechnet hatte. Die Online-Redaktionen der grossen Schweizer Medien hätten also Gelegenheit gehabt, mit gut vorbereiteten Sonderdienstleistungen zu brillieren. Diese Chance haben sie aber leider verpasst. Sie liessen sich im Gegenteil von den Ereignissen überrumpeln – und zwar sowohl auf technischer wie auch auf inhaltlicher Ebene.

UPDATE: Auch die Berichterstattung von ausländischen Medien zur Bundesratswahl bewegt sich auf einem, nun ja, diskutablen Niveau.

UPDATE #2: Der beste Kommentar, den ich bis jetzt zu den heutigen Ereignissen gelesen habe, stammt nicht von einem „klassischen“ Medium, sondern von einem Blog.

Am Tiefpunkt?

Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof kritisiert in einem Gespräch mit der NZZ die Medienberichterstattung in den Fällen „Seebach“ und „Borrweg“ aufs heftigste. Gewohnt eloquent spricht Imhof von „postmodernem Rudeljournalismus“, „neuen Hexenjagden 200 Jahre nach der Aufklärung“ und verkündet, wir seien am „Tiefpunkt einer zivilisierten rechtsstaatlichen Problembewältigung“ angekommen. Nun tönt Alarmismus aus gelehrtem Professorenmund meistens gut; das heisst aber noch lange nicht, dass er wahr ist. In diesem Falle entbehrt er zudem nicht einer gewissen Ironie. Denn erstens ist Imhof selbst Profiteur des manchmal herrschenden journalistischen Rudeldenkens, indem er seine Meinung als „Medienexperte“ meist unwidersprochen auf sämtlichen Kanälen verbreiten darf. Und zweitens ist seine Kritik mindestens so pauschalisierend wie die Berichterstattung, über die er sich aufregt. In diesem Sinne fühle auch ich mich berufen zu verkünden: Die Schweizer Medienforschung ist an einem Tiefpunkt angelangt – und es könnte alles noch viel schlimmer werden.

Schamlose Eigenwerbung (V)

Heute ist im Online Journalism Blog mein Artikel über Online-Journalismus in der Schweiz erschienen. Der Artikel versucht, eine Übersicht zu geben, Kenner der Szene werden darin wohl nicht allzu viel neues lesen:

„[…] Switzerland’s online media landscape suffers from a lack of innovation. This is partially due to the limited resources that traditional media can devote to online projects, but also due to the mindset of many Swiss publishers which continue to see the internet as a threat (or, even worse, as a temporary hype). […]“

Hier geht’s zum vollständigen Artikel. Über Kommentare und Inputs – sei es hier oder dort – freue ich mich natürlich!

Gemein, aber gut

Nächstes Jahr soll in der Schweiz ein Gesetz zur Eindämmung der Schwarzarbeit in Kraft treten. Die Branchenverbände derjenigen Branchen, wo Schwarzarbeit verbreitet ist, haben an den vorgesehenen heftigen Bussen für Arbeitgeber, die schwarz arbeiten lassen, natürlich gar keine Freude. Allerdings ist es etwas schwierig, so zu argumentieren, ohne einzugestehen, dass Schwarzarbeit in der jeweiligen Branche wirklich ein Problem ist. Genau das versuchen drei Verbandsvertreter aber – und laufen damit direkt ins Messer von Radio DRS-Redaktor Urs Bruderer, der in seinem wunderbaren kurzen Beitrag die Absurdität ihrer Aussagen praktisch ausschliesslich mit Originalzitaten vorführt. Das ist fast schon etwas gemein, aber gleichzeitig halt einfach auch sehr guter Journalismus.

Danke, liebe FDP-Wähler!

Überraschend deutlich – gerade wenn an das Hickhack mit der SP zurückdenkt – ist heute die Grünliberale Verena Diener im Kanton Zürich in den Ständerat gewählt worden. Sie distanzierte SVP-Präsident Ueli Maurer um fast 30’000 Stimmen. Dieses Ergebnis lässt zumindest vermuten, dass Diener eine erhebliche Anzahl Stimmen rechts von der Mitte erhalten hat – also von Wählerinnen und Wählern der FDP. Das ist bemerkenswert, weil die FDP-Spitze offiziell Maurers Kandidatur unterstützt hat. Mit ihrem Wahlverhalten hat die FDP-Basis nun aber nicht nur bewiesen, dass sie – um einen Leserkommentar auf NZZ Online zu zitieren – „ein gutes Stück liberaler und freisinniger“ als die Parteispitze ist, sondern sie hat auch dem Schmusekurs der FDP gegenüber der SVP eine deutliche Abfuhr erteilt. Damit steigt die Hoffnung, dass die Freisinnigen sich endlich von der SVP abwenden und sich vernünftigere politische Partner suchen.

Keine Demokratisierung durch die Demokratisierung

Hat das Aufkommen von Blogs, die ja eine Demokratisierung des Zugangs zu Publikationsmöglichkeiten darstellen, einen positiven oder einen negativen Einfluss auf die partizipative Demokratie? Diese Frage stellt Sarah Genner in ihrer (soeben eingereichten) Lizentiatsarbeit. Etwas genauer gesagt: Sie untersucht den Einfluss, den Blogs auf die Berichterstattung klassischer Schweizer Printmedien haben, indem sie die Erwähnung von Blogs in ebendiesen Printmedien über einen Zeitraum von gut sechs Jahren betrachtet. Und kommt zum Ergebnis, dass Blogs zwar immer häufiger zitiert werden (nicht nur, aber auch in politischen Zusammenhängen), dass es sich aber hauptsächlich um Blogs von Personen oder Institutionen handelt, die schon vorher einen hohen Bekanntheitsgrad aufwiesen. Von einer Demokratisierung der Meinungsbildung und einer Verbreiterung des politischen Diskures kann deshalb kaum gesprochen werden. Die Öffentlichkeit, schreibt Genner, nimmt nicht zu, sondern wird in Blogs allenfalls „durch Nischendiskurse verlängert“.

UPDATE: Etwas ausführlichere Gedanken in meinem Kommentar auf Sarahs Blog.